Es gibt Nachrichten, bei denen ich am Handy kurz den Atem anhalte. Diese kam wenige Tage nach dem Höhenangst-Training und war erfreulich knapp: Markus hat es geschafft. Die grosse Hängebrücke bei der Madrisa in der Nähe von Klosters und Davos, an der er seit drei Jahren gescheitert war, lag hinter ihm. Einfach so, zumindest klang die Mail ein bisschen danach.
Natürlich war es nicht einfach so. Davor lagen unzählige Versuche, ein Mittwoch, an dem sich sein inneres System zunächst in die falsche Richtung bewegte, und ein Donnerstag, an dem es plötzlich deutlich besser ging. Wie das zusammenpasst, wollte ich genauer wissen. Und weil es bei Höhenangst nie nur um eine Person geht, habe ich gleich auch Sonia gefragt.
Wer sind Markus und Sonia?
Markus und Sonia sind regelmässig in Klosters unterwegs und genau die Sorte Wandernde, die ich besonders gern begleite: neugierig, gut vorbereitet und mit viel Humor. Markus plant jede Route minutiös auf der Swisstopo Karte, inklusive Plan B. Sonia kennt diese Pläne und weiss, an welchen Stellen es ernst werden könnte. Wenn die beiden nicht in den Bergen sind, suchen sie in tieferen Lagen Steinpilze und Pfifferlinge.

Höhenangst Training
2 Tage im echten Gelände
790 CHF für 1 Person, optional mit Begleitung
Wenn der Blick der Auslöser ist
Markus’ Höhenangst hat eine Besonderheit, die ich in dieser Klarheit selten erlebe: Sie hängt am Sehen. In einer dunklen Bahn im Europapark hat er keinerlei Angst, auf einem steilen Hang mit freiem Blick ins Tal dagegen sehr schnell. Fehlen Bäume, Büsche oder andere Anhaltspunkte, beginnt sich sein System zu schliessen: Atmung, Puls, Schwitzen, Schwindel. Läuft diese Kaskade einmal, helfen auch die besten Vorsätze kaum noch.
Das ist keine schlechte Nachricht, im Gegenteil. Wenn der Blick der Auslöser ist, kann man genau dort ansetzen.

Das Training in Kürze
Gestartet sind wir an einem Montag um 10 Uhr an der Talstation der Gotschnabahn. Zwei Tage, viel Zeit und ein paar Hilfsmittel: der Fokus auf den nächsten Schritt statt auf die Tiefe links und rechts, Pausen an den richtigen Stellen, eine Baseball-Kappe als Scheuklappe und Sonia direkt vor Markus als Wegweiserin. Wie das im Detail aussah, erzählen die beiden gleich besser selbst.
Das Interview
Ich habe Markus und Sonia ein paar Fragen geschickt, die sie schriftlich und in Ruhe beantwortet haben – herzlichen Dank dafür! Ihre Antworten stehen hier unverändert.
Wie hat sich deine Höhenangst über die Jahre auf dein Leben und eure gemeinsamen Wanderungen ausgewirkt?
Meine Höhenangst war lange Zeit einfach eine Tatsache in meinem Leben, um die herum ich geplant habe. Wenn die Familie den Eiffelturm besuchte, wartete ich unten. Auf dem Rockefeller Center war es genauso. Wanderungen habe ich im Voraus sehr sorgfältig geplant und meiner Frau immer gesagt, an welchen Stellen es schwierig werden könnte. Sie hat mich dabei stets unterstützt: Sie sagte mir, dass wir jederzeit umdrehen könnten, dass wir es aber zumindest versuchen sollten.
Was hattest du vor unserem Training schon alles versucht, um die Höhenangst in den Griff zu bekommen?
Ich habe es immer wieder mit Exposition versucht, also indem ich mich bewusst Situationen ausgesetzt habe, die Angst auslösen, und versucht habe, diese auszuhalten - etwa durch bewusstes Atmen oder dem Mantra, dass der Körper nicht permanent Angst haben kann. Gleichzeitig habe ich viel über das Thema gelesen, um die Mechanismen hinter der Angst besser zu verstehen. Das hat zwar kognitiv geholfen, war aber im Moment der Angst (bis hin zu einer Blockade) nicht hilfreich. Ergänzend habe ich eine Hypnosetherapie ausprobiert, die mir kleine Fortschritte gebracht hat.
Was war für dich während der zwei Tage der wichtigste Wendepunkt oder die grösste Erkenntnis?
Die wichtigste Erkenntnis war für mich, dass ich mir auch in einer Angstsituation jederzeit eine Art „Insel“ schaffen kann, unabhängig davon, wo ich mich befinde. Dieses Gefühl, trotz Angst kurz innehalten und wieder Kontrolle gewinnen zu können, hat mir enorm geholfen. Ebenso wichtig war der Fokus meines Blicks auf den nächsten Schritt, anstatt ständig nach möglichen Gefahren links und rechts Ausschau zu halten. Diese Strategien nutze ich heute immer. Damit ist auch gesagt, dass die Angst nicht einfach weggeht - aber meine Grenzen haben sich verschoben.
Du hast nach drei Jahren die Hängebrücke bei der Madrisa geschafft. Wie hat sich dieser Moment angefühlt?
Das war ein unglaublicher Moment. Ich habe Erleichterung, Freude und auch Stolz empfunden, weil ich mich selbst und die Hängebrücke überwunden hatte. Nach unzähligen Versuchen, bei denen ich mich Schritt für Schritt weiter herangetastet habe, fühlte sich die erfolgreiche Überquerung wie ein echter Befreiungsschlag an. Vor dem Training hatte ich es knapp bis zur Hälfte der Brücke geschafft, und plötzlich war die Überquerung möglich. Zugegeben: Ich habe dabei laut mit mir gesprochen, bin sehr fokussiert Schritt für Schritt weitergegangen und war plötzlich am anderen Ende angelangt. Der Rückweg war dann sehr viel einfacher.
Welche Technik aus dem Training hilft dir im Alltag am meisten weiter?
Neben den bereits erwähnten Strategien war es für mich besonders wertvoll, dass meine Frau am Training teilgenommen hat. Gemeinsam haben wir eine Vorgehensweise entwickelt, mit der sie mich in schwierigen Momenten unterstützen kann, ohne dass wir lange darüber sprechen müssen. Ausserdem gebe ich der Höhenangst heute weniger Raum bei der Planung. Statt mögliche Hindernisse in den Vordergrund zu stellen, gehe ich neue Wege mit einer deutlich positiveren Haltung an.
Wie hast du Markus' Höhenangst über die Jahre als Begleitperson erlebt?
Manchmal war es frustrierend, weil die Höhenangst bestimmte gemeinsame Aktivitäten unmöglich gemacht hat. Mit der Zeit wurde sie Teil unserer Planung, und wir haben vermehrt Unternehmungen gewählt, bei denen sie keine Rolle spielte. Gleichzeitig fiel es mir oft schwer nachzuvollziehen, was in Markus vorging, weil Situationen, die für ihn sehr belastend waren, für mich völlig problemlos erschienen. Trotzdem war es mir immer wichtig, Verständnis zu zeigen und keinen zusätzlichen Druck aufzubauen.
Was hast du während des Trainings gelernt, um ihn in schwierigen Momenten am Berg zu unterstützen?
Das Training hat mir gezeigt, wie ich Markus in kritischen Momenten gezielt unterstützen kann. Ich kann ihm helfen, eine „Insel“ zu schaffen, ihn durch Gespräche abzulenken oder ihm Sicherheit zu vermitteln. Gleichzeitig habe ich gelernt, besser einzuschätzen, was trotz Höhenangst möglich ist. Deshalb ermutige ich ihn heute auch bewusst, seine Grenzen Schritt für Schritt zu erweitern. Die Höhenangst ist nicht verschwunden, aber der Handlungsspielraum ist deutlich grösser geworden.
Was würdest du anderen Partnerinnen oder Partnern raten, die jemanden mit Höhenangst begleiten?
Aus meiner Sicht ist jede Form von Höhenangst anders, deshalb gibt es kein Patentrezept. Wichtig scheint mir, die richtige Balance zwischen Geduld, Ermutigung und realistischen Erwartungen zu finden. Fortschritte entstehen meist in kleinen Schritten. Wer diese anerkennt und unterstützt, kann viel dazu beitragen, dass die betroffene Person Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickelt.
Wie hat sich eure gemeinsame Zeit in den Bergen seit dem Training verändert?
Wir haben die Grenzen des Möglichen erweitert und trauen uns heute auch an anspruchsvollere Passagen heran. Dabei hilft uns das Wissen, dass wir solche Situationen gemeinsam bewältigen können. Gleichzeitig suchen wir exponierte Stellen inzwischen bewusst auf, damit Markus weiter üben kann. Die Höhenangst ist zwar nicht verschwunden, aber ihre Grenzen sind deutlich verschiebbarer geworden, als wir früher gedacht hätten.
Was würdet ihr jemandem sagen, der noch zögert, seine Höhenangst anzugehen?
Der wichtigste Schritt ist der Wunsch, etwas zu verändern. Wer seine Höhenangst nicht einfach als gegeben hinnehmen möchte, sollte sich darauf einlassen, aktiv daran zu arbeiten. Die Angst verschwindet meist nicht von heute auf morgen, aber die eigenen Grenzen lassen sich verschieben und das eröffnet viele neue Möglichkeiten.

Was ich aus dem Gespräch mitnehme
Die Angst bleibt, die Grenzen wandern. Das haben Markus und Sonia in ihren Antworten gleich mehrfach gesagt, und es ist die ehrlichste Zusammenfassung, die ich kenne. Ein Training macht aus Höhenangst keine Höhenfreude. Es verschiebt, was möglich ist. Und ja, auch Rückschläge gehören dazu: Markus’ schlechter Mittwoch nach dem Training war kein Zeichen, dass es nicht funktioniert, sondern dass sich etwas bewegt.
Der Blick entscheidet. Der Fokus auf den nächsten Schritt und die kleine Insel, die man sich jederzeit schaffen kann, sind keine Zaubertricks. Aber sie geben dem Kopf eine Aufgabe, bevor die Angst ihm eine gibt.
Zu zweit ist es leichter. Dass Sonia mitgekommen ist, war für beide Gold wert. Sie kann Markus heute unterstützen, ohne lange erklären zu müssen, und sie weiss besser, was möglich ist. Wer jemanden mit Höhenangst begleitet, ist nicht nur Zuschauer, sondern ein echtes Werkzeug.
Für Begleitpersonen: Was Sonia empfiehlt
- Hilf, eine Insel zu schaffen: kurz innehalten und Sicherheit vermitteln
- Lenk mit einem Gespräch ab, wenn es eng wird
- Finde die Balance zwischen Geduld, Ermutigung und realistischen Erwartungen
- Anerkenne kleine Fortschritte, ohne zusätzlichen Druck aufzubauen
Wenn du dich in dieser Geschichte wiedererkennst: Du musst nicht allein anfangen. Je nachdem, wo du wohnst und wie weit du schon bist, gibt es zwei Wege. Das Video Coaching klappt von überall aus, als erster Schritt mit Standortbestimmung und konkretem Fahrplan. Das 2-tägige Training in der Schweiz ist der nächste Schritt, wenn du die Techniken im echten Gelände ausprobieren möchtest. Und falls du erst mehr wissen willst, findest du alles Grundlegende in meinem Artikel zur Höhenangst beim Wandern.
Zum Schluss
Die Hängebrücke bei der Madrisa hängt übrigens immer noch genau dort, wo sie vorher hing. Verändert hat sich nur, wer drübergeht. Und der Rückweg, das hat mir Markus versichert, war dann tatsächlich viel einfacher.

