Nach dem Postauto von Saas Grund zum Mattmark Stausee spürt man ziemlich unmittelbar, wie die Zivilisation weniger und die Wildheit der Walliser Alpen mehr wird. Die Vegetation vor den Fenstern des Busses wird spärlicher, die Baumgrenze ist bald erreicht und an der Mattmark Staumauer schon längst überschritten. Auf 2'195 m Höhe begleitet uns nur noch die karge, aber trotzdem schöne Flora der Hochlagen auf den nächsten Kilometern vom See hinauf in Richtung Schwarzbergchopf.
Vom Restaurant Mattmark aus folgen wir zuerst auf einem breiten Fahrweg dem westlichen Seeufer. Nach einem kurzen, nicht allzu dunklen Tunnel begleitet uns wieder die Walliser Sonne auf dem Weg zur Schwarzbergalp auf 2'373 m, wo in den Sommermonaten die Kuhglocken das einzige Geräusch sind, das das Rauschen der Gletscherbäche unterbricht. Hier endet die Fahrstrasse, und der eigentliche Wanderweg beginnt, sich die Ostflanke des Schwarzbergchopf hinaufzuwinden.
Auf der gegenüberliegenden Talseite öffnet sich der Blick auf das Stellihorn, das Almagellerhorn sowie auf die ungewohnt felsige Seite des 4'023 m hohen Weissmies. Der türkisgrüne Mattmarkstausee verschwindet langsam unter uns, während wir stetig an Höhe gewinnen und uns dem Schwarzbergchopf auf 2'869 m nähern, sozusagen dem "Gipfel" des Saas Fee Glacier Trail. Die Blicke folgen dem schwindenden Allalingletscher, der den felsigen Abbrüchen oberhalb des Saastals heute kaum noch gefährlich nahekommt. 1965 war das anders, als sich hier eines der schwersten Unglücke in der modernen Baugeschichte der Schweiz ereignete: Beim Abbruch einer Eislawine verloren 88 Menschen ihr Leben, die auf der Baustelle des Mattmarkstaudamms arbeiteten.
Trotz dieser Tragik lohnt sich der Blick auch auf die Walliser Viertausender, die sich im Westen über dem Allalingletscher auftürmen. Strahlhorn, Rimpfischhorn und das sonst eher unscheinbare Allalinhorn dominieren hier klar die Szenerie, während Alphubel, Täschhorn und Dom nur in der Ferne über dem Egginerjoch erkennbar sind. Im Süden zeigt sich die unbekanntere Seite der Walliser Alpen: Hinter dem riesigen Schwarzberggletscher stehen Corno Rosso, Cresta di Stenigalchi und Corno Nero, etwas im Schatten ihrer die magische Marke von viertausend Metern überragenden Nachbarn.

Nach einer ausgiebigen Pause führt uns der Weg nun in deutlich alpineres Terrain. Aus dem bis hierher weiss-rot-weiss markierten Wanderweg wird ein weiss-blau-weisser Alpinwanderweg mit spürbar strengerem Charakter als der gemütliche Anstieg auf den Schwarzbergchopf. Durch schuttiges Gelände steigen wir ab in Richtung Allalingletscher und stehen schon bald fast unbemerkt auf dessen Toteis, das hier noch nahezu vollständig mit Geröll bedeckt ist. Die Betonung liegt auf fast, denn das Eis liegt gleichzeitig nur wenige Zentimeter unter der Oberfläche und manchmal auch offen, wie die vor uns gehende Frau auf schmerzhafte Weise erfährt. Glücklicherweise bleibt ihr Ausrutscher auf dem blanken Eis ohne ernste Folgen, und sie und ihr Begleiter setzen den Weg auf dem Glacier Trail fort.
Wir befinden uns nun fast auf Höhe des eigentlichen Gletschers und müssen noch einen geeigneten Übergang auf das griffige Eis finden. Das ist eine Aufgabe, die man nicht unterschätzen sollte und die den heikelsten Moment der Gletscherwanderung darstellen kann. Der Rand des Gletschers ist etwas steiler, und ohne Steigeisen wählt man seinen Weg hier besser mit Bedacht und Zurückhaltung. Hat man das Eis erst einmal erreicht, wartet je nach Lufttemperatur griffiges Gletschereis, und dem Weiterweg Richtung Norden zur bereits sichtbaren Britanniahütte steht nichts mehr im Weg.
Die Route über den Gletscher ist recht gut markiert, ein gewisses Mass an Orientierungsvermögen sollte man trotzdem mitbringen. Am Ende des Tages befindet man sich schliesslich auf einem weitläufigen Gletscher, dessen Markierungsstangen durch das Ausschmelzen gerne einmal umfallen. Auch die Fliessbewegung des Eises sorgt dafür, dass sich der Übergang auf und vom Gletscher laufend verändert und eine angepasste Routenwahl nötig macht. Bei schlechter Sicht darf man die Orientierung ebenfalls nicht unterschätzen.

Nach der Überquerung des Allalingletschers folgt eine anspruchsvollere Passage durch schuttiges und blockiges Gelände zu P. 2910, wo sich der kurze Übergang über den Hohlaubgletscher anschliesst. Wie lange man hier überhaupt noch über einen Gletscher gehen kann, sei dahingestellt. Im Jahr 2026 folgen wir aber nochmals dem griffigen Gletschereis Richtung der bereits gut sichtbaren Britanniahütte, die in der Scharte zwischen Klein Allalin und dem langgezogenen Gratrücken des Hinter Allalin mit kalten Getränken und gutem Hüttenkuchen auf uns wartet.
Zuvor wollen aber noch rund 170 Höhenmeter überwunden werden. Der Weg wird dabei mit jedem Meter besser und führt unter der Felswand mit dem Klettersteig zur Hütte auf 3'028 m. Die Britanniahütte ist eine der beliebtesten und meistbesuchten SAC-Hütten, entsprechend viel Bergvolk trifft man rund um die Hütte und auf dem nahen Hausberg Klein Allalin (3'070 m) an. Wer die Zeit hat, sollte sich auf der gemütlichen Terrasse eine Pause mit etwas zu Trinken und zu Essen gönnen, denn die Aussicht über den Saas Fee Glacier Trail sowie auf Strahlhorn, Fluchthorn, Rimpfischhorn und Allalinhorn ist zu schön, um sie einfach links liegen zu lassen. Der Mattmarkstausee liegt inzwischen in weiter Ferne, und man darf sich über die zurückgelegten Höhenmeter freuen, die uns über Allalingletscher und Hohlaubgletscher hierhergeführt haben.
Für den weiteren Verlauf müssen wir zunächst rund 150 Höhenmeter verlieren, die wir uns direkt im Anschluss wieder erarbeiten dürfen. Irgendwie müssen die Kalorien des Hüttenkuchens ja wieder abgebaut werden. Ab P. 2863 steigt der Wanderweg unter der Felswand des Egginer wieder Richtung des gleichnamigen Egginerjoch an, wo sich entscheidet: rund 20 Minuten querend zur Station Felskinn, oder 30 Minuten schuttiger Abstieg über ausgeschobene Rampen des Skigebiets hinunter nach Morenia.
Den vollständigen Abstieg nach Saas-Fee sollte man sich gut überlegen, denn es warten rund 1'400 wenig kniefreundliche Höhenmeter, die landschaftlich nur teilweise interessant sind. Wir haben uns bereits entschieden und gleiten wenig später zufrieden mit der Seilbahn ab Morenia hinunter nach Saas-Fee, im Kopf die Erinnerung an eine eindrückliche Wanderung über die Gletscher.




