Der Hund ist ein Bild des Jammers, wie er da auf der kleinen Holzbrücke kurz hinter Gasenried im schattigen, herbstlich kalten Morgen auf drei Beinen steht, das vierte Bein angewinkelt hält und den Schwanz zwischen den Hinterläufen eingeklemmt hat. Immerhin kann ich die sichtlich verängstigte Frau beruhigen: Es sind nur noch rund fünf Minuten bis nach Gasenried, wo einerseits ein Bus fährt und andererseits Menschen mit Autos sind, die ihr helfen können, ihren Hund mit dem vermutlich gebrochenen Bein zu einem Tierarzt zu bringen. Erleichtert nimmt sie, den Hund tragend, die letzten Minuten in Angriff, und schon kurz darauf sehe ich sie im Ort ankommen, wo der Hund hoffentlich rasch Hilfe erhält.

Gross Bigerhorn (3'626 m): Der höchste Wandergipfel der Schweiz
In zwei oder drei Tagen ab Grächen mit Guide auf den Gipfel. Mit Übernachtung in der Bordierhütte.
ab 590 CHF pro Person
Von Gasenried über den neuen Zustieg zur Bordierhütte
Ich setze meinen Aufstieg nach diesem unerwarteten Start in Richtung Bordierhütte und Gross Bigerhorn fort. Gasenried auf 1'660 m ist der Ausgangspunkt, ein kleiner, verschlafener Weiler im Mattertal, kurz hinter Grächen. Vom Trubel des nahen Zermatts spürt man hier gar nichts, obwohl die Natur nicht weniger spektakulär ist, egal ob zur Zeit der leuchtenden Lärchen oder im Sommer unterhalb der Viertausender rund um das Nadelhorn.
Mein Weg führt mich durch das zu dieser herbstlichen Jahreszeit morgens lange im Schatten liegende Dorf hinein in ein kleines Hochtal, an dessen westlichem Rand der Wanderweg steil in Richtung Riedgletscher aufsteigt. Kurve um Kurve gewinne ich an Höhe, durch dichte Nadelwälder, die weiter oben den Lärchen Platz machen. Der Aufstieg zur Bordierhütte wurde 2023 neu angelegt und führt seither nicht mehr über den zurückweichenden Riedgletscher. Dadurch ist es nun auch "nur" noch ein weiss-rot-weiss markierter Weg, was jedoch nicht über die Länge, den fordernden Höhenunterschied und einzelne technisch anspruchsvollere Passagen hinwegtäuschen sollte.
Die kleine, romantische Alphütte Alpja auf 2'099 m lasse ich links liegen, bevor der Weg auf die imposante Moräne des hier schon lange nicht mehr vorhandenen Riedgletschers führt. Die Tiefblicke in diese sandige, instabile und steile Welt sind beeindruckend, ein wenig respektvoller Abstand zur Kante ist dabei sicherlich keine schlechte Idee.
Auf rund 2'400 m biegt der neue Weg nach links ab und macht kurz darauf das, was dem Rückweg nachher lange Gesichter bescheren wird: Er führt wieder für einige Dutzend Meter hinab. Gegenanstiege im Abstieg, ein immer wieder gern gesehener Gegner.

Gletscherschwund am Riedgletscher
Der einst riesige Riedgletscher wird heute gar nicht mehr betreten. Stattdessen quert man seinen Abfluss nun auf einer stabilen Metallbrücke, morgens über einen ruhigen kleinen Fluss, nachmittags während der tageszeitlichen Erwärmung über einen tosenden Strom schmelzenden Gletscherwassers. Im Süden blickt man 2026 noch auf eine beeindruckende Gletscherhöhle und die steile, zerklüftete Zunge des Gletschers. Die nordseitige Ausrichtung wird sicherlich noch einige Jahre dafür sorgen, dass dieses imposante Schauspiel erhalten bleibt, aber auch das wird den Riedgletscher vermutlich nicht vor seinem Schicksal schützen.
Der Riedgletscher liegt im Mischabelgebiet am Fuss des Nadelhorns, unweit des Doms, und zählt mit rund 6 km Länge zu den grösseren Gletschern der Walliser Alpen. Noch 1973 bedeckte er eine Fläche von über 8 km², seither ist davon wie bei den meisten Alpengletschern ein beträchtlicher Teil verschwunden. Das Becken, das der Gletscher ausgeformt hat, wird von Gross Bigerhorn, Balfrin, Ulrichshorn und dem Nadelhorn eingerahmt, das mit seinem gleichnamigen Nadelgrat auf der Westseite die Begrenzung bildet. Das Nadelhorn ist mit 4'327 m der höchste Punkt dieser Bergarena, die im Sommer regelmässig von Alpinistinnen und Alpinisten für Hochtouren besucht wird.
Besuch bei den Steinböcken
Die folgenden 500 Höhenmeter sind ein abwechslungsreiches Hin und Her zwischen Geröll- und Blockfeldern, über alpine Grasmatten und ein paar kleine Leitern. Mit etwas Glück trifft man hier auf Steinböcke und Gämsen, die in diesem rauen Terrain ihren Lebensraum haben.
Steinböcke bewegen sich meist in kleinen, nach Geschlecht und Alter getrennten Gruppen und ziehen sich für die kühleren Herbst- und Wintermonate wieder vermehrt in tiefere, steile Felsbänder zurück, wo sie an schütterer Vegetation noch genug Nahrung finden. Gämsen sind deutlich kleiner, meist einzeln oder in kleinen Gruppen unterwegs und bevorzugen die grasigeren, etwas weniger steilen Partien zwischen den Blockfeldern. Beide Arten sind hervorragend an dieses raue Gelände angepasst und am ehesten in den ruhigen Morgen- und Abendstunden zu beobachten, wenn weniger Betrieb auf dem Weg herrscht.

Die Bordierhütte
Nach einer letzten steilen Passage mit einigen Metalltreppen erreiche ich schliesslich die Kuppe in einem schattigen Steilhang, die mich die letzten Meter hinauf zur auf 2'886 m gelegenen Bordierhütte führt. In den Sommermonaten ist das ein willkommener Moment für eine Pause mit einem kühlen Getränk und einem leckeren Stück Kuchen auf der sonnigen Hüttenterrasse. Jetzt im Oktober ist die Hütte allerdings schon längst im Winterschlaf, und ich bin den ganzen Tag über vollkommen allein in diesem Tal unterwegs. Dementsprechend kurz fällt auch meine Pause aus, denn da ich die gesamte Tour auf das Gross Bigerhorn an einem Tag im Auf- und Abstieg mache, liegt noch einiges an Strecke und vor allem an Höhenmetern vor mir.
Während der Hochtourensaison im Sommer ist die Bordierhütte Ausgangspunkt für den Nadelgrat, die lange Überschreitung von Dirruhorn (4'035 m), Hobärghorn (4'218 m), Stecknadelhorn (4'240 m) und Nadelhorn (4'327 m). Auch die Hochtour auf den 3'795 m hohen Balfrin wird gerne gemacht, mit dem Abstieg via Windjoch zur Mischabelhütte im Saastal. Im Winter jedoch erfährt das Gebiet nur wenig Besuch, da es sich nicht um die klassischen Skihochtourengipfel handelt.

Geröllfelder, so weit das Auge reicht
Nach der Bordierhütte geht der Weg endgültig in eine Wüste aus Geröllfeldern über. Bereits im Aufstieg bis zur Hütte besteht rund ein Viertel aus technisch anspruchsvollem Blockgelände. Wer also schon hier Mühe hat, sollte sich den Weiterweg auf das Gross Bigerhorn gut überlegen, denn einfacher und weniger ermüdend wird es nicht mehr, im Gegenteil. Auch wenn es sich beim Anstieg auf das 3'626 m hohe Gross Bigerhorn formal um einen Wanderweg handelt, lässt sich die Route nicht mit einem klassischen weiss-rot-weiss markierten Bergweg vergleichen. Neben der Höhe, die sich ab der Bordierhütte deutlich bemerkbar macht, sind es vor allem die langgezogenen technischen Passagen im Geröll, die einiges abverlangen, da jeder Schritt bewusst und sorgfältig gesetzt werden muss, im Aufstieg wie im Abstieg. Kommen Nässe oder gar Glätte durch Eis oder Raureif hinzu, kann sich die ohnehin schon lange Aufstiegszeit erheblich verlängern. Auch die Orientierung darf nicht auf die leichte Schulter genommen werden, da der Weg ab der Hütte zwar markiert, aber nicht mehr durchgängig erkennbar ist.
Geführte Wanderung auf das Gross Bigerhorn
Mit einem erfahrenen Guide an deiner Seite erlebst du das Gross Bigerhorn in zwei oder drei Tagen als unvergesslichen Moment.
Eine erste Querung über grosse Felsblöcke direkt nach der Hütte ist kurzweilig, ich springe von Stein zu Stein, bevor der Weg auf die riesige Moräne zusteuert, die auf knapp 3'000 m erreicht wird. Reflektierende Katzenaugen erleichtern bis hierhin die Orientierung bei Nacht, gedacht sind sie insbesondere für die Seilschaften, die sehr früh in der Nacht in Richtung Nadelgrat aufbrechen und ihren Weg im Licht der Stirnlampen suchen müssen, wobei aufgrund der Ausaperung der Scharte zwischen Chli Dirruhorn und Dirruhorn mittlerweile häufiger der Aufstieg via Galenjoch genutzt wird.
Bei P. 3'048 erreiche ich ein kleines, felsiges Hochplateau, von wo aus der Weiterweg in einen wenig ausgeprägten Sattel zwischen Chli Bigerhorn und Gross Bigerhorn führt. Die Höhe und die zurückliegenden Höhenmeter machen sich nun langsam, aber deutlich bemerkbar, und ich lege eine weitere kleine Pause ein, bevor ich mich an die verbleibenden rund 500 Höhenmeter mache.

Gross Bigerhorn – ohne Seil und Steigeisen bis auf über 3'600 m
Man denkt immer, dass hundert Höhenmeter mehr oder weniger nicht so einen grossen Unterschied ausmachen. Trotzdem ist es mein subjektiver Eindruck, dass ab rund 3'000 m auch diese vermeintlich kleinen Differenzen einen erstaunlich grossen Einfluss haben. Dass ich nach diesem langen Anstieg direkt ab dem Tal hier langsam etwas spüren würde, war allerdings zu erwarten und entsprechend einkalkuliert. Insofern ist es im Moment "nur" lästig, und Kehre für Kehre arbeite ich mich weiter in der schuttigen Flanke des Gross Bigerhorn Richtung Gipfel hinauf. Aber auch der längste Anstieg geht irgendwann zu Ende, und nach über 2'000 Höhenmetern Aufstieg stehe ich auf dem 3'626 m hohen Gipfel, mit einer jedes Mal eindrücklichen Aussicht auf die umliegenden Viertausender bis hinüber zum dominanten Weisshorn.
Das Gross Bigerhorn ist an seiner steilen Nordseite noch vergletschert, der Aufstieg ab der Bordierhütte ist dementsprechend die einzige Möglichkeit, seinen Gipfel ganz ohne Gletscherkontakt zu erreichen. Im obersten Teil des Aufstiegs, kurz vor dem Gipfel, befinden sich die technisch schwierigsten Abschnitte, die im steilen Gelände mit einigen Seilversicherungen auf den ausgesetzten Gipfelkopf führen.
Abstieg in die Dunkelheit
Im Oktober werden die Tage kürzer, und das Tageslicht schwindet bereits schnell. Da mein Plan das Fotografieren und Filmen im abendlichen Licht vorgesehen hat, bin ich entsprechend ausgerüstet, Stirnlampe und warme Bekleidung liegen bereit im Rucksack. Der eisige Wind am Gipfel lässt mich die Pause dann doch recht kurz halten, und schon bald nehme ich im goldenen Licht der tief stehenden Sonne den langen Abstieg in Angriff. Was hinauf lange dauert, geht bergab in einer Mischung aus zügigem Gehtempo in den technisch anspruchsvolleren Passagen und Trailrunning-Tempo in den einfacheren Abschnitten deutlich schneller.
Schon bald erreiche ich wieder den Sattel, von wo aus ich in rund 15 Minuten in Richtung Chli Bigerhorn aufsteigen könnte. Meine Motivation ist heute allerdings einfach nicht mehr hoch genug, und ich lasse diese Idee rasch wieder sausen. Im weiteren Verlauf hinab Richtung Bordierhütte verliere ich für heute die Sonne endgültig, als sie hinter den Bergen zwischen Gugla und Breithorn verschwindet. Ab nun wird es nur noch schattiger und dunkler, und ich bin froh über die Bewegung, damit es nicht kalt wird.
Kurz vor der Hütte wartet der erste, kürzere von zwei Gegenanstiegen auf mich, die insgesamt im Auf- und Abstieg für diese Tagestour 2'200 Höhenmeter in beide Richtungen ergeben. Die Hütte passiere ich nun zügig, mache nur eine kurze Pause, um etwas zu trinken. Danach folgt die lange Passage hinab zur Brücke über den Gletscherbach, der nun im Dunkeln leise glucksend seinen Weg ins Tal sucht. Ab hier wollen nochmals knapp 100 Höhenmeter Gegenanstieg zurück auf die riesige Moräne zurückgelegt werden, was ich mässig motiviert tue, man hat ja keine Wahl. Aber auch das geht vorbei, und im letzten Licht des Tages erreiche ich wieder die herbstlich gold-braunen Matten rund um die Alphütte, bevor mich die Dunkelheit im Bergwald verschluckt und ich mit Stirnlampe die verbleibenden 500 Höhenmeter zurück nach Gasenried hinter mich bringe.
Das Gross Bigerhorn kannst du bei uns auch als geführte Tour buchen und in drei Tagen (oder in der verkürzten Variante in zwei Tagen) selbst erleben.