Der Ausgangspunkt dieser Rundwanderung lässt sich kaum eindrücklicher wählen: direkt an der Krone der Grande Dixence, mit 285 m die höchste Staumauer der Welt, die den türkisblauen Lac des Dix im Val des Dix zurückhält. Schon der Weg dorthin macht klar, dass hier oben alles eine Nummer grösser ist als anderswo in den Walliser Alpen.
Das erste, was mir ins Auge fällt, ist allerdings nicht die Staumauer selbst, sondern das einigermassen hässliche Gebäude an ihrem Fuss: ein grauer Betonwürfel, gefühlt völlig überdimensioniert. Historisch betrachtet wird er schon seinen Sinn haben, dass er genau hier steht. Für die Wanderung zum Col des Roux ist das allerdings nur von untergeordneter Bedeutung, denn schon kurz nach dem Start liegt der Fokus einzig auf der unglaublichen Masse der Mauer selbst.

Rund 250 Höhenmeter warten nun auf mich, bevor ich die Staumauer erreiche, eine Distanz, die sich theoretisch auch mit der kleinen Seilbahn abkürzen liesse. Die winzige Gondel bringt die Besuchenden im 10-Minuten-Takt hinauf zur Mauerkrone auf 2'376 m. Wer hier ankommt, ob zu Fuss oder mit der Bahn, sollte sich ein paar Minuten für einen Abstecher auf das Bauwerk nehmen, bevor es auf dem Weiterweg in die Combe de Prafleuri den See erst einmal hinter sich lässt. Spätestens ab hier hat man die meisten anderen Touristen abgehängt, und nach einem kurzen Abstieg auf den Talboden warten weitere 300 Höhenmeter hinauf zur Cabane de Prafleuri (2'662 m). Der Grund für den kurzen Umweg nach unten ist der "neue" Wanderweg, der aus einer steinschlaggefährdeten Zone verlegt wurde und nun weiter von der südlichen Talflanke entfernt verläuft. Während die Steinschlaggefahr so weitgehend entschärft ist, sollte man in diesem Gebiet auf Herdenschutzhunde achten, die innerhalb der Schafherden kaum erkennbar sind und ihr Revier durchaus zu verteidigen wissen.
Steil steige ich neben einem kleinen Bachlauf hinauf, das Rauschen des Wassers ist die einzige Geräuschquelle, die hier noch zu hören ist. Auf gut 2'500 m stosse ich wieder auf den alten Weg und quere nun unter einer Felswand entlang in Richtung des oberen Talbodens bei P. 2623. Heute habe ich Glück, der Weg ist trocken und eisfrei. Im Frühling kann es hier durchaus heikel werden, wenn Teile des Wegs noch vereist sind. Die letzten Meter hinauf zur Cabane de Prafleuri sind schnell erledigt, und die riesige, ebene Fläche vor der Hütte lädt zu einer Pause ein.
Die Cabane de Prafleuri ist eine klassische SAC-Hütte mit Platz für knapp 60 Personen und liegt mitten auf dem sogenannten Steinbockweg, was sich im Hüttenlogo mit seinem prominenten Steinbock auch gleich widerspiegelt. Bewartet ist sie von Juli bis September sowie im April für die Skitourensaison, dazwischen steht ein Winterraum offen zur Verfügung. Die Küche ist hier übrigens meist vegetarisch und, wenn man den Berichten glauben darf, erstaunlich gut.
Nach einer kurzen Pause nehme ich die verbleibenden 150 Höhenmeter hinauf zum Col des Roux in Angriff. Über ein Geröllfeld gelange ich schnell zu den Serpentinen des Wanderwegs, der nun stetig nach oben führt und mich in rund 30 Minuten ab der Hütte in den Passübergang bringt. Die letzten Meter sollte man wirklich geniessen, öffnet sich doch nun der Blick auf den Lac des Dix und die dahinterliegenden Berge rund um den Mont Blanc de Cheilon (3'870 m) und den Pigne d'Arolla (3'787 m).

Mit etwas Glück lassen sich hier im Bereich des Col des Roux (2'804 m) Steinböcke und Gämsen beobachten, die in dieser Gegend regelmässig unterwegs sind: Die Steinböcke meist in kleinen Gruppen auf den felsigeren Hängen, Gämsen eher einzeln oder zu zweit in den steileren, grasbewachsenen Partien. Wer hier keinen Erfolg hat, bekommt im Abstieg rund um P. 2730 nochmals eine Gelegenheit und sollte die Augen offen halten, am ehesten in den ruhigen Morgen- und Abendstunden, wenn die Tiere aktiver sind.
Ungeachtet der Tierwelt gleitet der Blick aber immer wieder über den riesigen Stausee und bleibt unweigerlich an den eisigen Bergen im Hintergrund hängen. Neben dem Pigne d'Arolla reihen sich hier Mont Blanc de Cheilon, La Ruinette und La Luette auf, der Glacier de Cheilon sucht sich seinen Weg hinab ins Tal. Die Cabane des Dix ist von hier aus nicht erkennbar, sie thront auf einem kleinen Hügel etwas hinter dem Tête Noire.
Der Abstieg vom Col des Roux ist kurzweilig und führt mich in relativ kurzer Zeit hinunter zur Cabane des Ecoulaies auf 2'575 m. Die kleine Privathütte gehört dem Ski-Club Euseigne und liegt irgendwo zwischen bewarteter und unbewarteter Hütte: An Wochenenden von Mitte Juli bis Ende September kümmert sich ehrenamtliches Personal um das Nötigste, Verpflegung muss man aber in jedem Fall selbst mitbringen. Für eine kurze Rast am Wegrand reicht das allemal.
Danach verläuft der Weg fotogen auf einem Rücken direkt hinunter auf die Wasseroberfläche zu, touchiert einen kleinen Wasserfall und endet auf dem breiten Wanderweg am Ufer des Sees entlang.
Hier beginnt der technisch einfachste Teil, der aber aufgrund mehrerer, teils langer Tunnel nicht weniger abwechslungsreich ist. Dank elektrischer Beleuchtung im längsten Tunnel ist auch das kein Problem, und nicht allzu viel später erreiche ich wieder die Staumauer, an der meine Rundwanderung über den Col des Roux vor einigen Stunden begonnen hat. Den Abstieg nehme ich wieder zu Fuss in Angriff, obwohl man auch hier die knieschonendere Variante mit der Seilbahn wählen könnte.



