Kurze Antwort: Auf geöffneten, signalisierten Schneeschuhtrails meist nicht. Sobald du deine eigene Spur legst, ja. Und zwar LVS, Schaufel und Sonde zusammen, plus das Wissen, wie man sie benutzt.
Stell dir einen dieser Wintertage vor, für die man den Wecker gern früher stellt. Die Sonne kommt über den Grat, der Schnee glitzert, als hätte jemand Zucker verstreut, und am Waldrand wartet ein Hang, auf dem noch niemand war. Keine Spur, kein Mensch, nur du, deine Schneeschuhe und das leise Knirschen bei jedem Schritt.
Und irgendwo im Hinterkopf meldet sich diese Frage, die du im Sportgeschäft vor dem Regal mit den orangen Geräten schon einmal hattest: Brauche ich das wirklich? Ich gehe doch nur wandern. Mit grossen Füssen, zugegeben, aber wandern.
Die ehrliche Antwort lautet: Es kommt darauf an, wo du gehst. Und genau um dieses Wo geht es in diesem Artikel. Nicht um Angst, sondern um einen anderen Blick auf verschneite Hänge. Wenn du ihn einmal hast, gehst du entspannter, weil du weisst, worauf es ankommt.
Wo wir mit Schneeschuhen unterwegs sind
Das Schöne am Schneeschuhlaufen ist, dass es fast überall geht. Durch verschneite Wälder, über Alpweiden, durch kupiertes Gelände mit kleinen Kuppen und Mulden und, wenn die Verhältnisse passen, auch hinauf über die Baumgrenze in die offene Bergwelt.
Die meisten Schneeschuhtouren bewegen sich in Hängen bis etwa 30 Grad. Das hat einen einfachen Grund: Bis dahin macht es richtig Spass. Steiler geht zwar, aber dann wird aus dem gemütlichen Stapfen schnell ein Kraxeln, und beim Abstieg rutschen die Schneeschuhe lieber, als dass sie greifen.
Spannend wird es bei der Frage, was rund um deine Spur liegt. Die Schwierigkeitsskala des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) macht das sehr schön deutlich:
- WT1: Das Gelände ist flach oder wenig steil, und in der näheren Umgebung gibt es keine Steilhänge. Lawinengefahr besteht keine.
- WT2: Die Spur ist genauso gemütlich, aber in der näheren Umgebung gibt es Steilhänge. Und damit Lawinengefahr.
Du läufst also auf beiden Touren durch dasselbe sanfte Gelände. Der Unterschied liegt nicht unter deinen Füssen, sondern daneben und darüber. Genau deshalb empfiehlt der SAC für alle Schneeschuhtouren ab WT2 LVS, Schaufel und Sonde. Eigentlich ist damit die Titelfrage schon beantwortet. Aber das Warum ist der interessante Teil.

Und wie oft passiert da etwas?
Zuerst die beruhigende Nachricht: Lawinenunfälle sind selten. In der Schweiz sterben im Mittel der letzten 20 Jahre rund 19 Menschen pro Winter in Lawinen. Die allermeisten davon sind Skitourengänger und Freerider.
Schneeschuhläufer sind seltener betroffen, aber eben nicht nie. Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) nennt für die Schweiz rund drei tödlich verunglückte Schneeschuhläufer pro Jahr, meist infolge von Lawinen. Die Zahlen schwanken dabei stark: Im Winter 2008/09 kamen sechs Schneeschuhwanderer in Lawinen ums Leben, im Winter darauf einer.
Auch abseits der Lawinen lohnt sich ein Blick auf die Statistik. Im Jahr 2021 zählte der SAC 93 Notfälle beim Schneeschuhlaufen, mehr als doppelt so viele wie im Jahr davor. Die Mehrheit der Betroffenen hatte sich verirrt oder kam nicht mehr weiter. Schneeschuhlaufen ist also kein Extremsport, aber eben auch kein Spaziergang im Stadtpark.
Die wichtigste Zahl kommt aber zum Schluss: In rund neunzig Prozent aller tödlichen Lawinenunfälle haben die Verunfallten die Lawine selbst ausgelöst. Lawinen kommen also nur selten aus heiterem Himmel. Sie passieren dort, wo wir hingehen. Das klingt erst einmal unangenehm, ist aber eigentlich eine gute Nachricht. Denn wohin wir gehen, können wir beeinflussen.
«Ich bleibe ja im Wald.» Warum das nicht schützt
Wenn es einen Satz gibt, den ich auf Schneeschuhtouren regelmässig höre, dann diesen. Er klingt logisch: Zwischen Bäumen kann doch nichts abrutschen. Leider ist die Sache etwas komplizierter.
Bäume schützen erst, wenn sie viel höher sind als der Schnee. Das Lawinenforschungsinstitut SLF beobachtet seit 1975 einen aufgeforsteten Hang oberhalb von Davos. In den ersten Jahren lösten sich dort regelmässig Lawinen, obwohl der Hang voller junger Bäume stand. Erst als die Bäume etwa doppelt so hoch waren wie die Schneedecke, ging die Zahl der Lawinen deutlich zurück. Ein lichter Jungwald, ein Hang mit Büschen oder eine Aufforstung sind also kein Schutz.
Nicht jeder Wald ist gleich. Fichten und Arven halten auf ihren Ästen viel Schnee zurück. Darunter wird die Schneedecke unregelmässig, und die gefürchteten Schwachschichten entstehen kaum. Lärchen dagegen verlieren im Winter ihre Nadeln. Ein reiner Lärchenwald schützt deshalb laut SLF schlechter als ein Wald mit Arven oder Fichten. Gerade im Wallis, wo die Lärchen im Herbst so herrlich golden leuchten, lohnt sich dieser Gedanke.
Lücken sind beliebt, auch bei Lawinen. Lichtungen, Schneisen und grössere Waldlücken sind potenzielle Anrissgebiete. Und genau diese offenen Stellen suchen wir mit Schneeschuhen besonders gern, weil der Blick dort so schön aufgeht.
Der Wald hält nichts auf, was von oben kommt. Eine Lawine, die weiter oben im freien Gelände anreisst, kann bis tief in den Wald vordringen. Dann ist der Wald kein Schutz mehr, sondern ein Hindernisparcours aus Baumstämmen. Wer da hineingerät, hat zusätzlich zur Verschüttung auch noch ein Verletzungsproblem.
Der Wald ist also ein wunderbarer Ort für Schneeschuhtouren, gerade bei schlechter Sicht. Aber er ist kein Freipass.

Hangneigung: die wichtigste Zahl am Berg
Wenn du dir aus diesem Artikel nur eine Zahl merkst, dann diese: 30 Grad. Ab dieser Steilheit können Schneebrettlawinen abgehen. Je steiler ein Hang wird, desto leichter lässt er sich auslösen. Das typische Anrissgebiet tödlicher Lawinenunfälle ist etwa 36 bis 40 Grad steil und liegt häufig im Schattenhang.
Das Tückische daran: 30 Grad sehen von unten harmlos aus. Für das Auge ist der Unterschied zwischen einem gemütlichen 25-Grad-Hang und einem kritischen 35-Grad-Hang erstaunlich klein. Und wer einmal oben steht, schätzt ohnehin anders als von unten.
Vielleicht hast du schon von Methoden gehört, bei denen man mit den Stöcken ein Dreieck in den Schnee legt, einen Stock pendeln lässt oder ein Neigungsmessgerät aus der Jackentasche zieht. Das funktioniert alles irgendwie, ist aber umständlich, und mitten im Hang hat ehrlich gesagt niemand Lust darauf.
Es geht einfacher. Die Hangneigung lässt sich schon zu Hause bei der Planung zuverlässig herausfinden, ganz ohne Geometrieunterricht im Schnee. Unterwegs brauchst du dann nur noch ein geübtes Auge, um zu prüfen, ob die Realität zur Planung passt.
Wie das konkret geht, zeige ich in meinem Kurs für Schneeschuhläuferinnen und Schneeschuhläufer [Link Kurs folgt]. Es ist eine dieser Sachen, bei denen man sich hinterher fragt, warum man das nicht schon immer so gemacht hat.
Nicht nur der Hang unter dir zählt, sondern auch der über dir
Jetzt wird es spannend. Denn bisher ging es um den Hang, auf dem du stehst. Für die Lawinengefahr zählt aber auch, was darüber und daneben liegt. Und wie gross dieser Bereich ist, hängt von der aktuellen Lawinengefahrenstufe ab.
Die Gefahrenstufe findest du jeden Tag im Lawinenbulletin des SLF, auf slf.ch oder in der App White Risk. Die Skala reicht von 1 (gering) bis 5 (sehr gross). Für uns Schneeschuhläufer sind vor allem die Stufen 1 bis 3 relevant, denn bei grosser Gefahr gehört man ohnehin nicht ins freie Gelände.
Die Grundidee ist einfach: Je höher die Gefahrenstufe, desto flacher sollte das Gelände sein und desto grösser der Bereich, den du im Blick haben musst.
| Gefahrenstufe | Steilhänge meiden ab | Diesen Bereich beachten |
|---|---|---|
| 1 gering | 40 Grad (extrem steil) | den Bereich um deine Spur |
| 2 mässig | 35 Grad (sehr steil) | den ganzen Hang |
| 3 erheblich | 30 Grad (steil) | den ganzen Hang |
| 4 gross | steiles Gelände generell | den ganzen Hang inklusive Auslaufbereich |
Die Tabelle ist eine Vereinfachung der sogenannten Reduktionsmethode. Sie ersetzt keinen Lawinenkurs, zeigt aber gut, wie sich die Spielregeln verschieben.
Erheblich ist die Stufe, die am meisten unterschätzt wird. Sie klingt nach Mitte der Skala, also nach «geht schon». Tatsächlich fordert sie rund dreissig Prozent aller Lawinentoten. Ab erheblich heisst die Faustregel deshalb: Hänge über 30 Grad meiden, und zwar nicht nur die, auf denen du läufst, sondern auch die, die über deiner Spur liegen.
Gerade Schneeschuhläufer stehen oft unten statt oben. Wer gemütlich durch einen flachen Talboden stapft, fühlt sich sicher. Liegt darüber aber ein steiler Hang, steht man unter Umständen mitten im Auslaufbereich einer Lawine. Grosse Lawinen können weit ins flache Gelände vordringen. Das Gelände unter deinen Füssen ist dann völlig harmlos, das Gelände über dir nicht.

LVS, Schaufel, Sonde: wofür die drei eigentlich da sind
Die drei Gegenstände bilden zusammen eine Rettungskette. Jedes Glied hat seine Aufgabe, und fehlt eines, reisst die Kette.
Das LVS findet die verschüttete Person. LVS steht für Lawinenverschüttetensuchgerät, ein Wort, mit dem man beim Scrabble gewinnt. Im normalen Betrieb sendet jedes Gerät ein Signal. Wird jemand verschüttet, schalten alle anderen auf Suchen und können das Signal orten. Das LVS führt dich in wenigen Minuten bis auf etwa einen Meter an die Person heran. Den Rest kann es nicht.
Die Sonde zeigt die genaue Stelle. Sie ist eine Art zusammensteckbarer Zeltstab, nur länger und stabiler. Damit stocherst du systematisch im Schnee, bis du die Person triffst. So weisst du genau, wo und wie tief du graben musst, und verschwendest keine Zeit mit Schaufeln am falschen Ort.
Die Schaufel holt die Person heraus. Klingt banal, ist aber der anstrengendste und längste Teil der Rettung. Lawinenschnee ist kein Pulverschnee, sondern fest wie Beton. Mit den Händen oder einem Schneeschuh kommst du da nicht weit.
Wo das LVS hingehört: an den Körper, nicht in den Rucksack. Bei einer Lawine kann dir der Rucksack vom Rücken gerissen werden, und dann sendet dein Gerät irgendwo, nur nicht dort, wo du bist. Das LVS kommt in die Brusttasche oder ins Tragesystem unter der äussersten Jacke, eingeschaltet, bevor du losgehst. Am Start macht die Gruppe einen kurzen Gerätecheck: Sendet jedes Gerät, empfängt jedes Gerät? Dauert eine Minute und gibt ein gutes Gefühl.
Schaufel und Sonde gehören in den Rucksack, griffbereit und nicht unter Thermoskanne, Sandwich und Ersatzhandschuhen vergraben.
Dazu kommen ein geladenes Handy (Notruf Rega 1414 oder 112), eine kleine Erste-Hilfe-Apotheke und eine Rettungsdecke. Wer das alles dabei hat, ist ausgerüstet. Ob er auch vorbereitet ist, ist eine andere Frage.

Mitnehmen allein reicht nicht
Jetzt kommt der Teil, der im Sportgeschäft selten erwähnt wird: Ein LVS im Rucksack macht dich nicht sicherer. Es macht dich nur dann sicherer, wenn die Menschen um dich herum damit umgehen können. Und umgekehrt.
Der Grund ist die Zeit. Wer ganz verschüttet wird, hat in den ersten rund 15 Minuten eine Überlebenschance von etwa 90 Prozent. Danach fällt die Kurve steil ab, Fachleute sprechen vom «tödlichen Knick», und nach gut einer halben Stunde liegt die Chance nur noch bei rund 30 Prozent. Der häufigste Grund ist Ersticken.
Das bedeutet ganz praktisch: Die Rettung macht deine Gruppe, nicht der Helikopter. Selbst wenn die Rega schnell ist, braucht sie Zeit für Alarmierung, Anflug und Suche. Diese Zeit hat eine verschüttete Person meistens nicht.
Dass Können den Unterschied macht, zeigen die Zahlen des SLF. Bei Verschütteten, die von ihren Begleitern gefunden wurden, sank die Verschüttungszeit innerhalb von 20 Jahren von 15 auf 10 Minuten. Der Anteil der Überlebenden stieg dadurch von 60 auf 72 Prozent. Fünf Minuten, fast ein Drittel weniger Todesopfer.
Und jetzt die unbequeme Wahrheit: Dein LVS rettet nicht dich. Es hilft den anderen, dich zu finden. Dich retten können nur die Menschen neben dir. Ein Gerät, das du nicht bedienen kannst, ist deshalb vor allem ein teures Gewissensberuhigungsgerät. Und wenn du die Person bist, die gerade sucht, willst du in diesem Moment nicht zum ersten Mal die Bedienungsanleitung lesen.
Die gute Nachricht: Eine LVS-Suche lässt sich lernen, und zwar schneller, als man denkt. Ein paar Stunden Übung mit jemandem, der es dir zeigt, und ein Auffrischen vor jeder Saison machen aus dem orangen Ding im Rucksack ein Werkzeug, auf das du dich verlassen kannst. Genau das üben wir in meinem Schneeschuhkurs [Link Kurs folgt]: Suchen, Sondieren, Schaufeln, bis es sitzt. Mit viel Lachen dazwischen, versprochen.

Fazit: eigene Spuren, aber mit Plan
Brauchst du als Schneeschuhgänger ein LVS? Auf geöffneten, signalisierten Trails in flachem Gelände meistens nicht. Sobald du aber deine eigene Spur legst und Steilhänge in der Nähe sind, gehören LVS, Schaufel und Sonde dazu. Und das Wissen, wie man sie einsetzt, gleich mit.
Ich verstehe jeden, der auf markierten Wegen bleibt. Aber ich sage auch ehrlich: Die schönsten Momente auf Schneeschuhen hatte ich fast immer abseits davon. Wenn man die erste Spur in einen unberührten Hang zieht, das Licht durch die Bäume fällt und weit und breit niemand ist, dann weiss man, warum man sich das antut. Für genau diese Momente lohnt es sich, das Gelände lesen zu lernen.
Und wenn du dich noch nicht sicher fühlst: Du musst das nicht allein herausfinden. Auf einer geführten Tour übernimmt jemand mit Erfahrung die Routenwahl und das Risikomanagement, und du kannst einfach den Tag geniessen. Ganz nebenbei lernst du unterwegs, worauf es ankommt: Warum wir diesen Hang umgehen, wie man die Steilheit einschätzt und wie eine LVS-Suche funktioniert.
Einen guten Einstieg bietet meine Schneeschuhtour im Val d'Anniviers: gemütliches Tempo, kleine Gruppe, viel Aussicht und Fotos vom Tag inklusive. Und wer es genauer wissen will, ist in meinem Schneeschuhkurs mit Lawinenkunde richtig.
Wir sehen uns im Schnee.
Fragen? Antworten!
Auf geöffneten, signalisierten Schneeschuhtrails in der Regel nicht. Laut bfu eignen sich diese Routen gut für lawinensicheres Laufen, weil die Betreiber sie überwachen und bei Gefahr sperren. Aber lies vorher den Trailbeschrieb: Einzelne signalisierte Trails setzen ausdrücklich eine komplette Lawinenausrüstung voraus. Und eine Sperrung gilt, auch wenn das Wetter noch so schön ist. Ehrlich gesagt sind markierte Trails oft auch etwas langweilig. Wer lieber eigene Spuren legt, braucht die Ausrüstung und das Wissen dazu.
Ja, sobald du im freien Gelände unterwegs bist. Gering heisst nicht null. Auch bei Stufe 1 können einzelne extrem steile Hänge auslösen, und gerade dann fühlt man sich besonders sicher.
Nein. Apps wie White Risk sind super für die Planung und das Lawinenbulletin. Ein Handy kann aber keine verschüttete Person unter dem Schnee orten. Dafür braucht es ein LVS.
Ja, viele Sportgeschäfte in den Bergregionen vermieten LVS, Schaufel und Sonde, oft als Set. Bei geführten Touren kannst du die Ausrüstung in der Regel beim Guide ausleihen.
uf ein modernes, digitales Gerät mit drei Antennen und eine Bedienung, die du auch mit kalten Fingern und Puls 160 verstehst. Probier es vor dem Kauf in der Hand aus. Das beste LVS ist das, mit dem du am schnellsten suchst.
Mindestens einmal vor jeder Saison, besser öfter. Viele Wintersportorte haben LVS-Übungsfelder, auf denen du gratis üben kannst. Zehn Minuten Suchen nach einem vergrabenen Sender bringen mehr als jedes Video.
Am Körper, unter der äussersten Jackenschicht, in der Brusttasche oder im mitgelieferten Tragesystem. Nie im Rucksack, denn den kann eine Lawine wegreissen.
Das hängt davon ab, was darüber liegt. Steile Hänge oberhalb deiner Spur können bei erhöhter Gefahr Lawinen bis weit in den flachen Talboden schicken. Ein Blick nach oben und ins Lawinenbulletin lohnt sich also immer.

