Es fällt uns alles andere als leicht, den gemütlichen Frühstücksraum des Berggasthauses Wasenalp mit seiner atemberaubenden Aussicht zu verlassen und uns für die Schneeschuhtour auf den Hohture in die kalte Februarluft zu wagen. Zu eindrücklich ist das Panorama, zu verführerisch das Frühstück mit frischen Brötchen und zu schattig zeigt sich die Landschaft an diesem Morgen.
Am Vortag sind wir von der Simplonpassstrasse mit den Schneeschuhen aufgestiegen und haben bei strahlendem Sonnenschein den kurzweiligen, rund einstündigen Aufstieg zur Wasenalp hinter uns gebracht. Das auf 1’960 m gelegene Gasthaus, das seit 1960 besteht, dient als willkommener Stützpunkt für Schneeschuh- und Skitouren auf den Hohture, das Wasenhorn und das Mäderhorn. Ebenso ist es ideal für den Übergang von Wasmer- und Mäderlicke, wenn man vom Monte Leone oder vom Breithorn her unterwegs ist.

Der Aufstieg folgt zunächst einem markierten Winterwanderweg und führt uns während einer halben Stunde gemächlich voran, bis der eigentliche Anstieg im weglosen Gelände beginnt. Lockeres Strauchwerk säumt den Weg, und die parallel verlaufende Skipiste stört kein bisschen. Es ist noch früh am Tag, und das kleine, familiäre Skigebiet Rothwald wirkt angenehm verschlafen. Wir sind völlig allein unterwegs. Nur das leise Scharren unserer Schneeschuhe und unsere entspannten Gespräche durchbrechen die morgendliche Stille.
Im Gegensatz zu den umliegenden Skigebieten wie Zermatt, Saas Fee, der Aletschregion oder Bellwald versucht Rothwald gar nicht erst, mit grossem Halligalli auf sich aufmerksam zu machen. Rund 25 km Pisten, zwei Schlepplifte und eine überschaubare Infrastruktur mit wenigen Restaurants sprechen vor allem Geniesserinnen und Geniesser an. Dafür punktet das Gebiet mit Schneesicherheit. Dank der Höhenlage und der nordseitigen Ausrichtung herrschen hier andere und meistens bessere Bedingungen als in vielen kleineren und tiefer gelegenen Skigebieten.
Mittlerweile haben wir einige Höhenmeter hinter uns gelassen und nähern uns einem markanten Punkt auf dem nahezu exakt nach Norden verlaufenden Bergrücken des Hohture. Trotz klirrender Kälte legt unsere Gruppe hier einen kurzen Halt ein und rätselt über die massiven Stahlverbauungen östlich von uns, die als Lawinenverbauung auf den ersten Blick keinen rechten Sinn ergeben wollen. Allzu lange verlieren wir uns jedoch nicht in Spekulationen. Die Morgenluft ist dann doch zu frisch, und die wärmende Sonne lässt weiterhin auf sich warten.
Vor uns bauen sich die abweisenden Nordwände des über dreitausend Meter hohen Wasenhorns eindrucksvoll auf. Sie wirken wie eine gewaltige Barriere und hindern die Sonne daran, ihre Strahlen schon früh zu uns hinüberzuschicken.

Noch rund 200 Höhenmeter trennen uns vom Ziel. Der Anstieg führt technisch einfach, aber keineswegs langweilig über den Nordrücken des Hohture. Bei guter Spuranlage lässt sich die Tour auch bei weniger günstigen Lawinenverhältnissen verantwortungsvoll begehen und eignet sich hervorragend als Ausweichziel, wenn die höheren Gipfel der Region nicht machbar sind.
Eine kurze Passage verlangt dennoch unsere volle Aufmerksamkeit. Durch die Windbearbeitung hat sich eine meterhohe, nahezu senkrechte Schneewand aufgebaut. Auf schmalem Pfad balancieren wir vorsichtig durch dieses weisse Hindernis. Die Schlüsselstelle misst nur wenige Meter, doch sie sorgt für einen erhöhten Puls. Schon bald stehen wir wieder auf breiterem Untergrund, atmen auf und blicken direkt auf das eindrucksvolle, 3’193 m hohe Bortelhorn. Verblasene Hänge ringsum mahnen zur Vorsicht und erinnern uns daran, die komplexen Wind- und Lawinenverhältnisse in der Simplonregion niemals zu unterschätzen.

Mit 2’409 Metern ist der Hohture wahrlich kein Riese, doch für eine kurzweilige Rundumsicht reicht seine Höhe allemal. Der Blick schweift über die nördliche Seite des Rhonetals und weiter bis zum markanten Weisshorn im Mattertal. Ein Panorama, das sich sehen lassen kann.
Etwas sehnsüchtig halten wir Ausschau nach den wärmenden Sonnenstrahlen, die sich weiterhin bitten lassen. Bei kaltem Wind und entsprechend frostigen Temperaturen fällt die Gipfelrast kurz aus. Also schnallen wir die Schneeschuhe wieder fest und treten den Abstieg an, der uns auf dem gleichen Weg zurück ins Tal führt.

Im Abstieg folgen nach den ersten, eher harten und abgeblasenen Gipfelmetern immer wieder traumhafte Pulverschneepassagen. Unter lautem Gelächter und fröhlichem Jauchzen verlieren wir so schnell an Höhe und gewinnen gleichzeitig an Wärme, denn endlich erreichen wir die sonnenbeschienenen Bereiche. Da wir uns heute im Rahmen eines Lawinenkurses für Schneeschuhläufer bewegen, nutzen wir die Gelegenheit und graben ein Schneeprofil, um unser Verständnis des Schneedeckenaufbaus zu vertiefen.
Bald erreichen wir wieder das Skigebiet und den Winterwanderweg und nehmen Kurs auf die Wasenalp. Ihre einladende Sonnenterrasse bietet den perfekten Rahmen, um den Tag entspannt ausklingen zu lassen. Ab hier führt der markierte und präparierte Weg in etwa einer halben Stunde hinunter zur Passstrasse und zur Bushaltestelle, von wo aus uns der Bus bequem zurück nach Brig bringt.
